Acht Monate Indien: Mein FSJ im Open Shelter
Acht Monate sind im gewohnten Alltag schnell vorbei. Verbringt man sie jedoch in einem der kontrastreichsten Länder der Welt, wird daraus eine prägende Zeit. Mein Freiwilligendienst über das weltwärts-Programm verbrachte ich in West Bengalen, einem der bevölkerungsreichsten Bundesstaaten in Indien. Westbengalen mit Kalkutta gilt als intellektuelles und künstlerisches Zentrum Indiens mit starker Literatur- und Politiktradition
Mein Einsatzplatz: das Open Shelter
Den Großteil meiner Zeit habe ich im einem Open Shelter, einer lokalen NGO für gefährdete Kinder, verbracht. Anders als in einem klassischen Kinderheim leben die rund 30 betreuten Jungen weiterhin bei ihren Familien. Das Shelter ist vielmehr ein sicherer Ort, an dem sie nach der Schule oder in ihrer Freizeit hinkommen können. Schutz, Ansprechpartner, eine feste Tagesstruktur sind Dinge, die viele von ihnen Zuhause aus finanziellen Gründen nicht ausreichend bekommen.
Mein Alltag dort bestand aus Hausaufgabenbetreuung und der Organisation von Spiel- und Freizeitprogramm. Das klingt simpel, war es aber nicht immer: Besonders nachmittags musste man sich immer wieder etwas einfallen lassen, damit die Jungen unterschiedlichsten Alters sinnvoll beschäftigt waren.
Indien ist nicht gleich Indien
Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Es gibt nicht „die eine indische Kultur“. Wer von Indien spricht, als sei es ein einheitliches Land, unterschätzt die Realität. Indien ist fast neunmal so groß wie Deutschland, hat 28 Bundesstaaten und die Unterschiede zwischen den Regionen sind teils größer als zwischen zwei europäischen Ländern.
Sprache. 22 Sprachen sind offiziell anerkannt, dazu kommen über 1.600 weitere Regionalsprachen und Dialekte. Im Norden dominiert Hindi, in Westbengalen spricht man Bengali, in Tamil Nadu spricht man Tamil, in Kerala Malayalam, in Karnataka Kannada. Englisch dient als Brücke, ist aber vor allem in Städten und gebildeteren Kreisen verbreitet.
Nord versus Süd. Nordindien, etwa Westbengalen, Punjab, Rajasthan, ist stark von der Mogulzeit geprägt: sichtbar in der Architektur, im Essen (viel Weizen, Naan, cremige Currys) und in der Mischung aus islamischer und hinduistischer Kultur. Der Süden, Tamil Nadu, Kerala, Karnataka, Andhra Pradesh, hat eine eigenständige Kultur- und Sprachtradition. Mehr Reis statt Weizen, andere Gewürze, gewaltige Tempelanlagen und insgesamt ein ruhigerer Alltagsrhythmus.
Stadt versus Land. Neben den geografischen Unterschieden gibt es ein Gefälle zwischen urbanen Zentren und ländlichen Regionen, das mich fast noch mehr beeindruckt hat. In Millionenstädten wie Delhi, Mumbai oder Bangalore trifft man auf eine globalisierte Mittel- und Oberschicht mit Start-up-Kultur und westlich anmutendem Lebensstil. Wenige Kilometer außerhalb sieht es oft komplett anders aus: Industriebetriebe, Landwirtschaft und ein Alltag, der stärker von Religion und Einfachheit geprägt ist.
Religion. Hinduismus, Islam, Christentum, Sikhismus, Buddhismus und Jainismus prägen je nach Region unterschiedliche Stadtbilder, Feiertage und Alltagsregeln. Punjab ist Sikh-geprägt, Kerala hat eine der größten christlichen Communities des Landes, Jammu und Kashmir ist mehrheitlich muslimisch. Das zeigt sich an Festen, an Essgewohnheiten und an sozialen Regeln, die von Bundesstaat zu Bundesstaat spürbar variieren. Diese regionale Vielfalt hat mir gezeigt, wie oberflächlich gängige Indien-Klischees sind und wie verschiedene Religionen in Alltag friedlich koexistieren können.
Bildung
Der Freiwilligendienst hat meinen Blick auf entwicklungspolitische Themen geschärft. Die Unterschiede zwischen Deutschland und Indien, bei Bildung, Gesundheitsversorgung, materieller Absicherung, waren im Alltag ständig präsent. Die Mittelschicht legt einen enormen Wert auf die Bildung ihrer Kinder. Der Bildungserfolg ihrer Kinder wird als Investition gesehen. Durch oft stundenlange private Nachhilfe nach der regulären Schule lastet auf den Schülern ein enormer Leistungsdruck. In der Unterschicht werden die Kinder aufgrund finanzieller Engpässe oft frühzeitig aus der Schule genommen. So waren die Mitarbeiter des Open Shelters in ständigem Kontakt mit den Eltern, um sie von der Bedeutung einer Schuldbildung zu überzeugen. Dennoch erlebte ich häufig, dass die Jungen, sowie auch Mädchen, keine durchgehende Beschulung in der Elementarstufe hatten. Bildung war eher eine Wahl, die den Kindern selbst überlassen wurde.
Fazit
Die kulturelle und religiöse Vielfalt, die ich in Westbengalen und darüber hinaus erlebt habe, hat mir gezeigt, wie wenig pauschale Aussagen über Indien tragen. Gleichzeitig hat mich die Arbeit im Open Shelter deutlich gemacht, wie eng Bildungschancen an die finanzielle Situation einer Familie geknüpft sind.
Was bleibt, ist ein differenzierterer Blick: auf Indien, auf globale Ungleichheit und auf die eigene Position darin. Die Offenheit der Menschen und das Gefühl, für acht Monate Teil einer Gemeinschaft gewesen zu sein, wiegen dabei die schwierigen Momente, Sprachbarrieren und Phasen der Überforderung deutlich auf.